Stories

Einkaufstour

Ein kulinarischer Streifzug durch den Odenwald

Wenn Chris Keylock im Labsal in Michelstadt kocht oder Kochkurse leitet, beginnt sein Tag in der Regel mit dem Wareneinkauf. Dabei setzt er vor allem auf regionale Produkte der Saison und Produzenten, die er persönlich kennt. Wir haben ihn auf seiner morgendlichen Einkaufstour begleitet und uns damit auf eine kulinarische Entdeckungsreise vor der eigenen Haustür begeben.

Ziemlich morgens. Sehr ziemlich sogar. Lange bevor ich mich in der Regel an den Schreibtisch setze, parken wir vor dem Haus in Güttersbach, in dem Chris mit seiner Familie wohnt und steigen aus. Wir atmen tief ein. Die Luft ist hier noch angenehm kühl, während sich über Darmstadt längst eine drückende Glocke gelegt hat.

Dann werden wir entdeckt und der Kies auf dem Hof spritzt geräuschvoll auseinander als ein kleiner Hund auf uns zustürmt. Kraftvoll, dynamisch springt er zur Begrüßung an uns hoch. Und nicht nur einmal. Chris zitiert den wilden Racker auf ein Kissen, was dem nun gar nicht passt. Aber der kleine Kerl hält sich an die Anweisungen. Zumindest eine Zeit lang.

Chris nutzt die Zeit und erzählt, dass heute Abend der „Odenwald Streifzug“ im Labsal auf dem Programm steht – ein Kochkurs, bei dem sich alles um beste regionale Produkte dreht. Der Einkauf steht an. Also los. Wir steigen in den schwarzen Transporter und ab geht es.

Oberzent ruff un runner*

Wir verlassen Familie, Hund und Güttersbach in Richtung Airlenbach. Dort biegen wir ab nach Süden in Richtung Hirschhorn. Nach einigen Minuten erreichen wir die Forellenteichanlage Finkenbach. Obwohl es mitten in der Woche ist und immer noch früh, entspannen sich bereits die ersten Angler rund um den größten der Teiche. Hier ist nie niemand, glaube ich.

Matthias Bartmann, der Betreiber der Anlage, hört sich kurz an, was Chris braucht. Dann steigt er in ein Becken und fängt mit dem Kescher eine mächtige Lachsforelle. Ein Mordsteil, wie ich finde und frischer geht es echt nicht. Voll sushimäßig. Die Teilnehmer des Kochkurses können sich auf die Vorspeise freuen: Finkenbacher Frühling – das sind Ravioli, gefüllt mit einem Lachsforellentatarauf Salat. Es folgt ein kurzer Plausch unter Männern, dann reißen wir uns los. Ganz nach dem Motto: „Ich möcht so gerne noch schauen, aber der Wagen der rollt“, eben so wie in dem einem bekannten Volkslied, das einst Bundespräsident Walter Scheel der Nation vorträllerte.

Nordnordost, mein Bulli-Kapitän. Auf nach Beerfelden. Brot holen. Ein Besuch bei der Bäckerei Riesinger steht an. Mit der Kamera bewaffnet verschaffen wir uns Zutritt zur Backstube und Hartmut Riesinger rückt gerne die Brote raus, die Chris am Abend zum Amuse-Gueule und zum Salat präsentieren wird.

Einige hundert Meter weiter liegt die Bio-Gärtnerei Berger. Hier streift Chris mit einer Steige durch den Laden und sammelt an Gemüse ein, was er braucht. Kartoffeln? Hat er noch. Nimmt aber doch einige mit und bestellt welche für das kommende Wochenende. Wenige Worte werden gewechselt. Man kennt sich. Man weiß, um was es geht.

Und dann: Eier. Wir brauchen Eier. Die gibt es bei Familie Zimmermann in Beerfelden in Bio-Qualität. Hier kauft Chris zum ersten Mal ein. Da etwas Zeit ist, lassen wir uns von Frau Zimmermann den Betrieb zeigen. Die Hühner im Mobil und die Kühe, die selbst entscheiden, wann sie drin und draußen sind. Die Rassen der Tiere sind hier bewusst gewählt – alles keine Hochleistungsgeschöpfe, aber artgerecht gehalten, glücklich und irgendwann, wenn ihre Zeit gekommen ist, saulecker, auch als Huhn oder Rind. Frau Zimmermann zapft uns auch zwei Gläser Milch aus der Flotten Lotte, der ältesten Frischmilchtankstelle im Odenwald. Hier ist täglich geöffnet, rund um die Uhr. Wir aber arbeiten jetzt wieder gegen die Zeit und machen uns auf den Weg. Auf den Weg nach Hüttenthal.

Zurück nach Mossautal

Im Lädchen der Molkerei kauft Chris den Quark für das Soufflé, das mit Früchten der Saison den Abschluss des heutigen Menüs bilden wird. Und er nimmt natürlich eine recht ordentliche Portion von der berühmten Rollenbutter mit. Ich denke an die Frage, die man einst Paul Bocuse stellte. Es ging darum, durch was man Butter beim Kochen ersetzen könne. Und ich denke an seine Antwort, die lautete: Durch mehr Butter.

Doch was rede ich? Ab in den schwarzen Bulli. Bad König is calling. Das Fleisch fehlt noch. Das Fleisch vom Odenwälder Weiderind, dem Hauptgang. Unser Weg führt nach Norden und dann ostwärts der B 45. Nach Bad König eben.

Und jetzt Bad König

Am Schlossplatz liegt die Landmetzgerei Urich. Irgendwie schon immer. Dort im Laden herrscht reger Betrieb. Es  ist wie im Finkenbachtal. „You never walk alone“. Von Krise der Metzgereien keine Spur. Aber das kommt natürlich nicht von selbst. Familie Urich weiß, dass sie sich immer wieder selbst erfinden muss, ohne das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Deshalb wird hier noch selbst geschlachtet und die Viecher hatten ein gutes Leben. Doch jetzt geht es auf der B 45 nach Michelstadt. Ins Labsal. Unsere Einkaufstour endet. Chris bereitet alles vor. Für seine Gäste.

Wir verabschieden uns nach Darmstadt. Wir haben eine regionale Einkaufstour hinter uns, auf die ihr euch  jederzeit begeben könnt. Doch was wirklich zählt, ist nicht, dass alle Produkte von hier sind. Was zählt ist der Respekt, mit dem die Produzenten der Natur und den Lebewesen begegnen und das viel zitierte Geben und Nehmen ernst nehmen. Das gibt nicht nur ein gutes Gefühl, das schmeckt sogar. Und das werden auch die Kochkursteilnehmer auf ihrem Streifzug durch den Odenwald schmecken. Bei Chris Keylock. Im Labsal. In Michelstadt. Im Odenwald.

*“Oberzent ruf un runner“ oder „Oberzent nuff un nunner“ – kommt drauf an, wer unterwegs ist.

Fotografie: Tobias C. Plath und Thomas Hobein, Text: Thomas Hobein, zuerst erschienen bei Endlich! Gutes.